Tradition 02.02.2017, 11:30 Uhr

EXPERTEN ARBEITEN INTENSIV AN „FK AUSTRIA WIEN 1938-1945“

Eine vierköpfige Gruppe von Historikern beschäftigt sich seit Juli 2016 mit der Geschichte des FK Austria Wien in der Zeit des Nationalsozialismus in Österreich (1938 bis 1945).

Experten arbeiten intensiv an „FK Austria Wien 1938-1945“

„Mich freut es, dass dieses Projekt in der wissenschaftlichen Community auf großes Interesse stößt. Wir hätten es nicht realisieren können, wenn uns der National- und Zukunftsfond nicht unterstützen und Wien-Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny nicht fördern würde“, sagt Projektleiter Johann Skocek.

Die Violetten, die selbst einen erheblichen Teil der Gesamtkosten (63.000 Euro) für die Studie tragen, haben großes Interesse, dass die „dunkle Zeit“ ein für alle Mal klargestellt wird. „Um wirklich wissenschaftlichen Standards gerecht zu werden, haben wir die Kooperation mit der Universität Wien gesucht“, betont Skocek.

Aktuell ist der Journalist schon damit beschäftigt, mit Verlagen Kontakte für die Erstellung des Buchs, das am Ende des Projekts entstehen soll, zu knüpfen. Die Suche nach einem Verlag ist für Skocek kein Neuland. U.a. hatte er 2014 ein Buch über Austrias legendären Klubsekretär Norbert Lopper („Mister Austrian Norbert Lopper, Fußball, KZ-Häftling, Weltbürger, Falter Verlag“) veröffentlicht. Dieses Werk war der Ausganspunkt des jetzt laufenden Projekts, die Rolle der Austria unter dem NS-Regime aufzuarbeiten.

Recherchieren, prüfen, dokumentieren

Einiges ist schon bekannt, manches sind Legenden, manches Mythen. Skocek und die namhaften Historiker Rudolf Müllner, Matthias Marschik und Bernhard Hachleitner arbeiten, suchen, recherchieren, prüfen auf wissenschaftlicher Basis, um alles Relevante zu dokumentieren.

Zum Beispiel stellen sie sich die Fragen: Wer war in der Austria-Familie Jude, als die Nazis im März 1938 einmarschierten? Wer war unter den Austria-Mitgliedern Opfer, Täter oder nur Mitläufer? Wie sind die verschiedenen Biografien verlaufen? „Wir wollen nach bestem Wissen und Gewissen am Ende sagen können, das war so und jenes so“, erklärt Skocek.

Man beschäftigt sich aber nicht etwa zum 100. Mal mit dem Tod von Klubikone Matthias Sindelar, sondern damit, ob der einstige Starkicker ein Kriegsgewinner war. Walter Nausch, eine weiterer violetter Ex-Kicker dieser Zeit, ging 1938 in die Schweiz, weil er mit einer Jüdin verheiratet war.

Der frühere Kapitän des Wunderteams, der nach dem Zweiten Weltkrieg 1954 als Teamchef Österreich zum dritten WM-Platz führte, wechselte 1938 in die Schweiz. Entgegen landläufiger Auffassung war er kein Flüchtling. „Er war die ganze Zeit ein deutscher Staatsbürger, hätte also jederzeit zurückkommen können“, verrät Skocek von ersten Resultaten.

Wissenschaftler in der Schweiz und Deutschland unterwegs

Auf der Suche nach der Wahrheit reisen die Historiker auch nach Deutschland. „Wir klappern alle Archive, Quellen und Bibliotheken ab, die man für so eine Qualitätsarbeit durchforsten muss“, berichtet Skocek.

Die Prüfer reden mit Überlebenden, haben zudem zig Interviews von Zeitzeugen zur Verfügung, die der 63-Jährige und Uni-Lektor Marschik schon vor einiger Zeit geführt haben. „Falls während dieser Arbeit etwas auftauchen sollten, werden wir auch dem nachgehen“, erklärt Skocek.

Es wurde eine Liste von ungefähr 140 beteiligten Personen erstellt, von denen man weiß, wo sie gewohnt haben, wohin sie das Leben verschlagen hat, ob sie Jude oder NSDAP-Mitglied waren. „Jeder einzelne Fall wird geprüft, wie sich die Leute verhalten haben, was aus ihnen geworden ist“, ergänzt der Journalist.

Ein wesentlicher Beweggrund diese Vergangenheit aufzuarbeiten war die heute nicht kleiner werdende rechtsradikale Szene im Fußball. „Wir wollen Klubführung, Fanbetreuern und Anhänger Argumente und Wissen an die Hand geben, um die damalige Zeit zu besprechen. Wenn die Fans diese Periode hochjubeln, dann haben sie vielleicht ein falsches Bild davon“, betont der Projektleiter.

Damals wurden Menschen verfolgt und ermordet. Die Austria ist auch aus Propagandazwecken für einige Monate in SC Ostmark umbenannt worden. „Ernst Kaltenbrunner, einer der größten Naziverbrecher und Gestapo-Chef, wurde vom Regime zu Austrias Ehrenpräsidenten gemacht“, erinnert Skocek.

Jour fixe alle zwei bis drei Wochen

Die Beweisaufnahme hält die Forscher insgesamt 15 Monate auf Trab. Von Zeit zu Zeit verfasst Skocek schriftliche Zwischenberichte über die Tätigkeit. Den ersten gab es im Oktober, der zweite soll noch im Jänner erscheinen. Für März, bei „Halbzeit“, ist ein Meeting mit Austria-Vorstand Markus Kraetschmer geplant.

Die Wissenschaftler treffen einander zudem regelmäßig in Beisein von Austrias Museumsleiter Gerhard Kaltenbeck alle zwei bis drei Wochen, wobei koordiniert wird und Strategien festgelegt werden. Zuletzt wurde z.B. eine Rechercheanfrage an deutsche Kriegsarchive gestellt.

„Es geht um ungefähr 100 Personen und deren Biografien“, erklärt Skocek, der hofft, dass noch mehr Klubs oder Verbände ihre Historie während des NS-Zeit untersuchen lassen. Es wäre angebracht, der Sport habe ja nicht gerade eine sehr lebhafte Beziehung zu seiner eigenen Vergangenheit, sagt Skocek.  

AUFRUF an Fans und Freunde der Austria: wer Pokale, Zeitungen, Fanartikel oder andere Sachen, die mit unserem Klub von Mitte der 30er bis 1946, 1947 zu tun haben und uns (leihweise und unentgeltlich) zur Verfügung stellen kann, möge sich bitte bei Austria-Koordinator Gerhard Kaltenbeck (gerhard.kaltenbeck@fk-austria.at) melden. Sehr hilfreich sind auch Kontakte zu Personen, die sich an diese Zeit noch erinnern können und Austria-Fans waren.

Tabelle
Pl. Mannschaft Spiele Pkt
1. SK Puntigamer Sturm Graz 12 28
2. FC Red Bull Salzburg 12 25
3. SK Rapid Wien 12 22
4. FK Austria Wien 12 18
5. FC Flyeralarm Admira 12 18
6. LASK 12 16
7. CASHPOINT SCR Altach 12 16
8. RZ Pellets WAC 12 12
9. SV Mattersburg 12 7
10. SKN St. Pölten 12 2
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